6. September 1859
Ich habe Cathie die Führung überlassen. Auf diese Weise fühlt sich sich wohler und ich habe ja sowieso immer und überall den vollen Durchblick, wo wir uns gerade befinden. Das mit dem „wohler fühlen“ habe ich bei Frauen schon des Öfteren beobachtet. Egal wie irrational das ist was sie begehren – wie zum Beispiel die Führungsrolle wenn sie mit einem Rodders McKay unterwegs sind – gib es ihnen und sie werden nicht so viel herum mäkeln, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind.
Wie zum Beispiel den angeblich richtigen Weg suchen, den man eigentlich nie verlassen hat. Naja Frauen halt.
Wobei ich jetzt Gott sei Dank auch noch nicht allzu oft mit dieser seltsamen Laune der Natur zu tun hatte. Abgesehen von meiner Familie nur mit einer Psychologin, zu der mich meine Eltern schleppten, weil ich wohl in vielerlei Dingen etwas „auffällig“ war wie der Volksmund sagt, bzw. hochbegabt, wie der gebildete Mensch von heute weiß.
Noch des öfteren denke ich an Doktor Highmeier zurück, bei der ich einige Sitzungen hatte. Aber als gebildete Psychologin, die etwas von ihrem Fach versteht, war ihr natürlich sofort klar, dass sie es bei mir mit einem Genie zu tun hatte und wir hielten diese Treffen im Grunde nur ab (nicht dass wir jeweils darüber gesprochen hätten, aber das stille Einverständnis war spürbar), um meine Eltern zu beruhigen. Und meine Schwester. Ich glaube in Wahrheit steckte sie hinter alldem. Kommt bis heute einfach nicht damit zurecht, dass ich der Ältere, Stärkere, Klügere und Schönere von uns beiden bin.
R.M.M.
10. Juni 1832
Der Patient, nachfolgend als R. bezeichnet scheint Einzelgänger zu sein und über eine recht lebhafte Fantasie zu verfügen. Statt mit richtigen Freunden zu spielen, flüchtet er sich lieber in eine imaginäre Welt, in welcher er als großer Held zu Pferde die Menschheit rettet.
Begleitet wird er dabei von seinem besten und einzigen Freund Sheppard. Im realen Leben handelt es sich um ein Erdferkel, in seinen Fantasieereien um einen menschlichen Kompagnon. Schwarzhaarig, Bartträger, nicht ganz so wohlgenährt wie R., nicht ganz so heldenhaft wie R., nicht ganz so gut aussehend wie R. Auch nicht so wortgewandt, nicht so gut mit der Waffe, nicht ganz so intelligent und etwas schüchterner wenn es um Frauen geht. Ansonsten verstehen sie sich aber wohl recht gut, wenn sie sich auf ihren Edelrossen durch den Wilden Westen schlagen, während Adler über ihnen ihre Kreise ziehen.
Ich glaube mit R. werde ich noch so einige Sitzungen verbringen müssen.
[Aus einer der inzwischen freigegebenen Patientenakten von Doktor K. Heightmeyer-Lorne]¹
¹ Anm. d. Red.: Dieser Fall ging Dr. Heightmeyer-Lorne lange Zeit nicht aus dem Kopf und beschäftigte sie gedanklich noch weit über die Sitzungen hinaus weiter. Ihr Ehemann, welcher seines Zeichens Hobbymaler war, wurde durch ihre Besessenheit Jahre später zu einem Portrait inspiriert, welches wir mit dem Einverständnis seiner Nachfahren als Titelcover verwenden durften.

